Pia fragt nach
Wie habt ihr das geschafft?
Eine Geschichte von Bernd Hückstädt
1.Teil: Die neue Zeit
Der Besuch
„Pia! Das ist aber schön, dass du deine Großmutter besuchst.“
„Hallo Omi, guck mal, was ich gekauft habe! Das ist JOY, mein neuer Bioroboter aus Fernost. Den gibt es gerade bei ALIBI im Sonderangebot für nur 2.999 Dank. – JOY, come here! JOY to Pia!!! – Brav!“
<!--JOY is very good friend-->
„Is ja gut. – Er ist noch auf Englisch eingestellt. – JOY speak german!!“
<!--FREU sprechen Deutsch-->
„ Ups, an der Übersetzung wird wohl noch gearbeitet. – Wo ist Opa?“
„Beim Seniorensport.“
„Ah, was macht er denn heute?“
„Fallschirmspringen! Er ist noch topfit. Kein Wunder bei unserer gesunden Ernährung! Quellwasser, Bio-Obst und -Gemüse, Wildkräuter, kaum Fleisch...“
„Weißt du, was wir heute in Geschichte hatten? Die Müllzeit! Das war doch in deiner Jugend. War da wirklich alles Sondermüll? Eure Kleidung, Häuser, Computer, Fernseher, Fahrzeuge, Treibstoff, Straßenbelag? Unser Lehrer sagte, wenn jemand krank war, musste er sogar Sondermüll schlucken! Stimmt das, Omi?“
„Nun, Pia, wir nannten das Medizin. Aber du hast recht: wenn wir Medikamente übrig hatten, durften wir sie nicht einfach wegwerfen. Wir mussten sie als Sondermüll entsorgen, der Umwelt zuliebe.“
„Mein Bioroboter ist voll recyclebar. Die meisten Teile werden kompostiert und die anderen werden wieder verwendet. Angetrieben wird er mit freier Energie. Voll umweltfreundlich! – FREU, zeig mal, was Du kannst! FREU, mach die Küche sauber!“
<!--Menue Küche sauber machen: Wischen, Staub saugen oder Geschirr abwaschen?-->
„ Staub saugen!“
<!--Gesaugten Staub kompostieren: Ja/Nein?-->
„Ja!“
„Also Pia, das ist ja toll, was die Technik heute kann!“
„Das kam alles durch die Natürliche Ökonomie. Diesem genialen Wirtschaftsmodell verdanken wir, dass weltweit die Armut beseitigt und Wohlstand für alle geschaffen wurde. Und ganz in Harmonie mit der Natur! NatÖ ist mein Lieblingsfach in der Schule.“
Das Naturgesetz von Werden und Vergehen
„Also Pia, dann musst Du mir mal was erklären. Ich finde es ja großartig: unser Grundeinkommen, das alle Menschen versorgt, unser Gesundheitswesen, unseren reichen Staatshaushalt und die Umwelt-Subventionen. Aber eines ist für mich noch immer ein Rätsel: Wie funktioniert die Natürliche Ökonomie? Wo kommt das Geld her – ganz ohne Steuern und Abgaben?“
„Tja, Omi, für dich ist sie immer noch ungewohnt. Schließlich gingst Du in der Müllzeit zur Schule. Die damalige Wirtschaft ignorierte die elementarsten Naturgesetze, wie den Kreislauf von Werden und Vergehen. Aber die Vergänglichkeit ist unvermeidlich. Und deshalb überraschte sie euch in Form von Inflation, Geldcrash, Kriegen und so weiter. Dabei ging es euch ja noch gut in Europa. Auf anderen Kontinenten mussten die Menschen hungern. – Und beinahe hättet ihr die ganze Umwelt zerstört!“
„Pia, das stimmt. Ihr werdet uns das vorhalten, so lange wir leben. Zum Glück verbreitete sich die Natürliche Ökonomie, und es entstand ein Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit.– Doch wie funktioniert sie genau?
„Das will ich Dir gerne erklären, Omi. Nächste Woche darf ich in der Schule ein Referat darüber halten. Die Natürliche Ökonomie gründet auf dem Naturgesetz von Werden und Vergehen. Wie du weißt, gibt es bei uns Lebensgeld, und die Währung heißt Dank. Das Lebensgeld wird geschöpft durch das Leben selbst. Und es ist vergänglich, wie alle Produkte der Natur.“
„Lebensgeld wird geschöpft und ist vergänglich?“
„Genau! Die Gesellschaft schöpft monatlich für jeden Menschen dreitausend Dank. Ein Dank entspricht etwa dem früheren Euro. Die ersten tausend Dank bekommt jeder Bürger als Grundeinkommen. Die zweiten tausend Dank erhält der Staat und die dritten tausend Dank gehen an den Ausgleichs- und Umwelt-Fonds, den AUF.“
„Der AUF bewirkt viel Gutes für Mensch und Natur!“
„Ja, der Ausgleichs- und Umwelt-Fonds dient der Wiedergutmachung der Umweltschäden, die es leider auch heute noch gibt. Für die Umwelt steht damit ein zusätzlicher Topf in Höhe des Staatshaushaltes zur Verfügung. Umweltschutz und -Sanierung sind die lukrativsten Wirtschaftszweige.“
„Deshalb die gute Entwicklung! – Pia, du hast gesagt, dass das Lebensgeld durch das Leben entsteht und dass die Gesellschaft monatlich Geld schöpft. Wie kann ich mir das vorstellen?“
„Je nach Staatsform wird das Lebensgeld in der Kommune oder in einer Zentralbank geschöpft. Jeder Mensch hat genau ein Schöpfungskonto. Der Betrag ist für alle gleich. Die Geldschöpfung beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Das Lebensgeld entsteht also durch das menschliche Leben. Alle Menschen und alle Länder haben gleiche Bedingungen.“
„Das Lebensgeld wird also quasi aus dem Nichts geschaffen? Wie ist das Geld gedeckt?“
„Durch das Wertvollste, das wir haben: das menschliche Leben selbst! Jeder Mensch dient der Gesellschaft, wirtschaftlich gesprochen, als Mitarbeiter, Kunde oder beides. Die Gesellschaft, das sind wir alle. Und wir sagen jedem Menschen Dank: Danke, weil du bei uns bist!“
„Aber wenn jeden Monat geschöpft wird, wird das Geld immer mehr. Warum gibt es bei uns keine Inflation?“
„Inflation ist unfreiwillige Vergänglichkeit. Bei uns läuft die Vergänglichkeit nach Plan: Jeden Monat werden von jedem Konto etwa fünf Prozent des Guthabens abgebucht. Das ergibt fünfzig Prozent im Jahr.“
„Also von jedem Dank auf meinem Konto ist nach einem Jahr die Hälfte weg. Richtig?“
„Richtig!“
„Dafür bekomme ich jeden Monat tausend Dank als Grundeinkommen dazu?“
„Ja!“
„Dann haben alle Menschen immer gleich viel Geld zur Verfügung?“
„Nein! Wer arbeitet oder Geschäfte macht, erzielt zusätzliches Einkommen – steuerfrei. Wie du weißt, gibt es weiterhin Millionäre. Nur Armut kann es nicht mehr geben.“
Mal rechnen, ob es stimmt!
„Pia, ich bin weder Mathematiker noch Ökonom. Kannst Du mir einfach und plausibel erklären, wie das ganze im Großen funktioniert?“
„Gerne. Aber ein bisschen rechnen müssen wir dabei. In Deutschland haben wir heute wie damals 80 Millionen Einwohner, etwa eine Billion Staatshaushalt einschließlich Gesundheitswesen und 4 bis 5 Billionen Gesamtguthaben aller Konten. Kannst Du folgen?“
„Bis jetzt noch!“
„Durch das Zusammenspiel von Geldschöpfung und Vergänglichkeit ist die Geldmenge stabil. Sie pendelt sich auf den Wert ein, wo sich die Geldschöpfung von 3.000 Dank pro Bürger und die Vergänglichkeit von fünf Prozent die Wage halten. Das sind 60.000 Dank pro Bürger, denn fünf Prozent von 60.000 sind 3.000.“
„Aha, zur Geldschöpfung gehört die Vergänglichkeit. Deshalb bleibt der Geldwert stabil. Jeder hat sein Grundeinkommen, jedes Land ein Staatseinkommen, und die Umwelt wird saniert.“
„Genau! Die gesamte Geldmenge ist etwa so wie früher. In Deutschland sind das zum Beispiel 80 Millionen Bürger mal 60.000 Dank, das sind 4,8 Billionen Dank Gesamt-Guthaben. Unsere Preise sind deshalb so wie früher.“
„Und der Staatshaushalt?“
„Wir haben 12 Monate mal 1.000 Dank mal 80 Millionen Bürger. Das sind 960 Milliarden Dank Staatshaushalt im Jahr, also knapp eine Billion. Auch das ist etwa gleich geblieben. Und zusätzlich haben wir noch den Ausgleichs- und Umweltfonds in gleicher Höhe.“
„Ah, deshalb ist für alle Ausgaben genug Geld vorhanden – einschließlich der notwendigen Umweltsanierung. Ganz ohne Steuern, Versicherungen und sonstigen Abgaben. Phantastisch!“
Arbeitslosigkeit? Altersversorgung? Kein Problem!
„Viele alte Probleme sind damit gelöst: Arbeitslosigkeit, Schwarzarbeit, Rentenprobleme – all das gehört der Vergangenheit an. Denn durch das Grundeinkommen ist jeder vom Kleinkind bis ins Alter versorgt. Wer arbeitet, verdient steuerfrei hinzu. Viele Menschen gehen selbstständig ihren Neigungen nach: Kunst, Handwerk, Forschung, Bildung oder einfach Zeit für einander haben. Alles ist problemlos möglich. Das Arbeitsklima ist ausgezeichnet, denn niemand ist gezwungen zu arbeiten. Die Arbeit- und Auftraggeber werben um ihre Mitarbeiter. Arbeit ist sinnvoll und macht Freude – oder sie findet nicht statt. Schwarzarbeit existiert per Definition nicht mehr, weil es keine Steuern gibt.“
„Und die unangenehmen Arbeiten?“
„Die schweren, unmenschlichen Arbeiten werden schon längst von Maschinen erledigt. – Ah übrigens, was ist mit meinem kleinen Freund? – FREU, alles klar???“
<!--Küche Staub gesaugt. Staub in Kompostbehälter getan-->
„Super, FREU, du bist klasse!“
<!--FREU ist sehr guter Freund-->
„Ja, FREU, das bist du. – Siehst Du, Omi, immer mehr Arbeit wird von Maschinen gemacht. Für die anderen Arbeiten sind die Bedingungen so gut, dass sich immer Menschen finden, die sie gerne tun. Gefährlichere Aufgaben sind bei Abenteurern sehr beliebt, denn sie werden bestens bezahlt. Übrigens sind sie weniger gefährlich als früher, weil alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.“
Das System reguliert sich selbst.
„Und doch gab es mal kurz Engpässe. Während der Umstellung auf biologische Landwirtschaft wurden die Lebensmittel knapp. Das hatte sich aber schnell erledigt.“
„Stimmt! Lebensmittel wurden teuer und das Grundeinkommen knapp. Viele Menschen suchten Arbeit. Der AUF förderte den biologischen Anbau und bot Permakultur-Kurse an. Zahlreiche Familien bauten sich einen Landsitz auf, und bald sanken die Preise wieder auf ein gesundes Niveau.“
„Genau! Lebensmittel kosten heute zwar mehr als in der Müllzeit, dafür sind sie biologisch und die Qualität ist ausgezeichnet. Jeder kann sich diese gute und gesunde Ernährung leisten.“
„Wie Du siehst, Omi, regelt sich das System selbst: Werden Güter knapp, steigt der Preis. Folglich wollen manche Menschen mehr arbeiten. Die besten Arbeitsangebote gibt es bei den knappen Gütern, die nun vermehrt produziert werden. Die Preise sinken, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.“
„Plausibel und verblüffend einfach.“
Bei Krediten gewinnen beide.
„Aber sag mal Pia, dein Bioroboter war doch ganz schön teuer, fast dreitausend Dank. Wie kannst du dir so etwas leisten?“
„FREU ist eine Investition. Ich habe ihn per Kredit finanziert.“
„Pia, du hast Schulden gemacht?“
„Nein! Ich habe Kredit bei meinen Klassenkameradinnen aufgenommen, um die Investition zu finanzieren. Wie das geht, haben wir in NatÖ gelernt, und ich bin schließlich sehr geschäftstüchtig!“
„Hört hört, meine dreizehnjährige Enkelin!“
„Soll ich dir meine Kalkulation erklären?“
„Du brennst ja förmlich darauf. Also los!“
„Du weißt ja, ich bekomme tausend Dank im Monat, wie jeder andere auch. Davon gebe ich meinen Eltern sechshundert für Miete und Verpflegung, zweihundert brauche ich für das Laufende und zweihundert habe ich übrig.“
„Und die könntest du für die Zukunft sparen!“
„Im Prinzip hast Du Recht, Omi. Nur, für die Zukunft spart man nicht, sondern man investiert in die Zukunft.“
„Wo ist denn da der Unterschied?“
„Würde ich versuchen, Geld für die Zukunft zu sparen, wäre es durch die Vergänglichkeit bald weg. Wir können investieren, indem wir Kredit geben oder Kredit nehmen. Ich habe mich entschlossen, einen Kredit zu nehmen und mir den Bioroboter zu kaufen. Damit gehe ich zu unseren Nachbarn und helfe im Haushalt für zwanzig Dank die Stunde. So kann ich den Kredit bald zurückbezahlen. Danach mache ich nur noch Gewinn.“
„Aus meiner kleinen Pia ist eine clevere Geschäftsfrau geworden!“
„Ich investiere damit gleichzeitig in Menschen, denn FREU kann das meiste selbst tun. Ich muss ihn nur einlernen. Dann kann ich mich mit meinen Nachbarinnen und Nachbarn unterhalten oder deren Gäste bewirten. Aus guten Nachbarn werden Freunde, die sich gegenseitig weiterhelfen – privat und beruflich. Das nenne ich Nachbarschaftshilfe im besten Sinne!“
„Pia, ich staune immer mehr! – Was aber ist mit deinen Geldgeberinnen?“
„Die beiden Schülerinnen hatten gerade Geld übrig und boten mir einen Kredit. Die zwei machen das recht professionell: Indem sie immer wieder Kredite vergeben, erhalten sie den Geldwert und sammeln schon jetzt ein kleines Vermögen an. Das werden bestimmt mal Bankerinnen.“
„Nehmen sie denn Zinsen?“
„Nein! Denn viele Leute wollen ihr Geld erhalten und bieten zinslose Kredite.“
„Ah, die Mädels haben also auch ohne Zinsen ihren Vorteil.“
„Ja, Omi. Die Natürliche Ökonomie ist ein Plus-Summen-Spiel. Da gibt es fast nur Win-Win-Situationen.“
„Sind denn all deine Mitschüler so geschäftstüchtig?“
„Manche haben andere Interessen: Sport, Kunst, Musik, Wissenschaft, Forschung, Entwicklung, Handwerk... Jeder Schüler ist in mindestens einem Projekt engagiert. Alle gewinnen, denn selbst wenn ein Projekt kein zusätzliches Geld abwirft, ist jeder durch sein Grundeinkommen versorgt. Das ist bei den Erwachsenen genau so.“
„Ich erinnere mich, Pia, auch wir hatten unser Haus über einen zinslosen Kredit finanziert. Das Geld vermittelte uns eine Bank gegen Gebühr. Da wir berufstätig waren und neben dem Grundeinkommen noch steuerfreie Einkünfte erzielten, konnten wir den Kredit in wenigen Jahren tilgen. Zur Müllzeit hätten wir wohl ein Leben lang abzahlen müssen.“
Open Source für alle
„Ich höre ein Flumo!“
„Das muss Opa sein. Er kommt vom Fallschirmspringen zurück. Seitdem es diese öffentlichen Fugmobile gibt, ist Fallschirmspringen zum Volkssport geworden.“
„Da kommt er! – Hallo Opa!“
„Hallo meine süße Enkelin! Das war ein herrlicher Tag in freier Natur!“
„Stell dir vor, Sven, deine Enkelin ist Geschäftsfrau geworden. Sie hat einen Bioroboter gekauft, der schon unsere Küche gesaugt hat.“
„Klasse, Pia, dann bestehe ich darauf, dein erster Stammkunde zu werden!“
„Zu spät, Opa! Meiers von nebenan sind auch schon Kunden.“
„Donnerwetter – du bist ja wirklich geschäftstüchtig!“
„Pia und Sven, ich muss euch jetzt verlassen. Im Seniorenzentrum ist LAN-Party!“
„Omi, spielt ihr immer noch mit euren alten BlueTooth-Computern, die Elektrosmog erzeugen?“
„Meine liebe Pia, wir haben zwar noch die alten Computer. Doch wir vernetzen sie mit G-Com, ganz ohne Elektrosmog, so wie dein Bio-Handy und Opas Bio-Computer.“
„Omi, ich bin stolz auf dich! Viel Spaß und bis bald! – Erstaunlich, Opa, dass die alten Computer schon G-Com haben.“
„Die G-Com, die Kommunikation über die Gravitationswelle ist schon lange bekannt, doch die Entwicklung unkonventioneller Technologien war früher mühsam und zäh. Wie du weißt, bin ich selbst Erfinder und hatte sehr unter dem Patentrecht gelitten, das wirkliche Neuerungen behinderte. Bei Software war das anders: Open-Source-Software war oft die bessere Wahl.“
„Mit der Einführung der Natürlichen Ökonomie wurde das Patentrecht abgeschafft und das allgemeine Open-Source-Prinzip beschlossen. Das haben wir in der Schule gelernt.“
„Ja, Pia, alles Wissen gehört allen. Nur so konnte die Menschheit überleben. Das allgemeine Open-Source-Prinzip wurde erst möglich mit der Einführung des Grundeinkommens. Endlich konnten alle gut leben. Auch die unkonventionellen Denker, Forscher, Künstler und Handwerker konnten ihrer inneren Bestimmung nachgehen. Es vollzog sich ein Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit. Denk nur an die Flumos: Flugmobile mit Freie-Energie-Antrieb und Autopilot. Man braucht keine Straßen, keine Parkplätze und kein Benzin.“
„Und man kann sie prima zum Fallschirm springen benutzen, gell Opa?“
„Ja Pia, und wie!“
„Nach Abschaffung des Patentrechtes kann es auch kein Patent auf Leben mehr geben.“
„Richtig! Der Spuk mit patentiertem Saatgut und gefährlicher Gentechnik ist Gott sei Dank vorbei. Spät genug, denn der Futtermais wurde durch die Gentechnik fast vollständig vernichtet.“
„Sag mal, Opa, du hast doch für den Ausgleichs- und Umwelt-Fonds gearbeitet und vieles mitgestaltet. Kannst Du mir bei meinem Referat helfen, das ich nächste Woche in der Schule halte?“
„Aber gern, mein Schatz!“
Ausgleich zwischen armen und reichen Ländern
„Neben der Sanierung und Bewahrung der Umwelt, hat der AUF ja noch andere Aufgaben, nämlich den Ausgleich von bisher armen und reichen Ländern und den Vermögensumtausch, nicht wahr?“
„Ja, Pia! Ich war in dem Team, das den Ausgleich von armen und reichen Ländern begleitete. Es genügte nicht, dass alle Länder Lebensgeld schöpften. Zuerst musste die Ernährung der Menschen sichergestellt werden. Wir trugen einige Fakten zusammen und kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis.“
„Welche Fakten?“
„Wir untersuchten den Fleischkonsum der Menschen und dessen Folgen. Zwanzig Prozent der Weltbevölkerung aßen damals achtzig Prozent der gesamten Fleischproduktion. Der massive Fleischkonsum in den Industrienationen war Ursache erheblicher Umweltschäden weltweit. Für ein Stück Fleisch wurden siebzig Mal mehr Umweltressourcen verbraucht, als für vegetarische Ernährung mit vergleichbarem Nährwert. In den Ländern mit hohem Fleischkonsum gab es die meisten ernährungsbedingten Krankheiten.“
„Ah, ich ahne schon das Ergebnis.“
„Unsere Überlegung war: Wenn die Menschen in den Industrienationen ihren gigantischen Fleischkonsum reduzierten, würden sie gesünder. Die Umweltschäden gingen zurück und es könnte genügend Nahrung für alle Menschen angebaut werden. Das wäre eine großartige Win-Win-Situation für alle.“
„Auch für die Industrie?“
„Ja! Wir finanzierten die Umstellung der Nahrungsmittelbetriebe und der Landwirtschaft. Wir kreierten eine Werbekampagne „kulinarisch – vegetarisch – solidarisch“ mit Kochbüchern, Gourmet-Führern und vielem mehr. Es gab übrigens keine Probleme mit ethnischen oder religiösen Gruppen, denn vegetarische Kost ist bei allen Religionen erlaubt.“
„Doch wie konnten die armen Länder wirtschaftlich aufholen?“
„Das ging fast von selbst: Die Industrienationen hatten Güter im Überfluss und suchten nach Absatzmärkten. Durch die monatliche Geldschöpfung hatten die armen Nationen genug Geld, um Güter, Technologie und Know How einzukaufen. Dadurch konnten sie ihre Entwicklung sanft angleichen. Inzwischen produzieren sie ihren Bedarf selbst. Die Wirtschaft beruhigte sich. Das schont die Umwelt.“
„Einige Unternehmen mussten schließen.“
„Das gab es auch schon zur Müllzeit. Doch jetzt ist eines ganz anders: Wenn heute Unternehmen schließen, leidet niemand Not. Arbeitgeber und Arbeitnehmer tragen kaum ein Risiko, denn jeder hat sein Grundeinkommen.“
„Und die Einkommen haben sich weltweit angeglichen.“
„Genau. Durch den Wegfall von Steuern sind die Lohnkosten in den Industrienationen gesunken. Die Löhne in den anderen Ländern holten auf. Deshalb gibt es keine Billiglohn-Länder mehr.“
„Also Wohlstand für alle!“
Grund und Boden
„Opa, ihr habt auch Gesetzesentwürfe ausgearbeitet, zum Beispiel die Umweltauflagen für Grund und Boden.“
„Richtig, Pia! Wegen der Vergänglichkeit des Geldes wird Land ja nicht mehr verkauft, sondern langfristig verpachtet. Das bringt dem Eigentümer ein kontinuierliches Einkommen. Allerdings ist Besitz von Grund und Boden mit strengen Umweltauflagen versehen. Wer eigenes oder gepachtetes Land selbst bewohnt oder bewirtschaftet, erfüllt diese Auflagen mit Leichtigkeit. Doch großer Landbesitz, der nicht ökologisch bewirtschaftet wird, wird schnell zur Last und lohnt sich nicht als Wertanlage. So kommt es, dass viele Großgrundbesitzer ihr Land an die Gesellschaft abgeben, die sich dann um die Renaturierung kümmert.“
2. Teil: Der friedliche Übergang
Wie kann es gelingen?
„Sag mal, Opa, für uns heute ist das logisch und einfach. Und wir wissen, dass der Übergang friedlich verlief. Aber wie war das in der Müllzeit? Die Menschen dachten damals ganz anders als wir. Wie konnte es gelingen?“
„Es war kaum zu erwarten, dass die ganze Welt auf einmal ein neues System einführt. Auch hätte kein Land im Alleingang aus den wirtschaftlichen Verflechtungen aussteigen können. Es mussten Wege gefunden werden, wie einzelne Länder innerhalb des bestehenden Systems gefahrlos beginnen konnten.“
„Konnten sie stufenweise eine Natürliche Ökonomie einführen, ihre Volkswirtschaft sanieren und andere Länder zur Nachahmung anregen?“
„Das war das Ziel, doch ganz einfach war das nicht. Alle Nationen waren hoch verschuldet, und die Staatsschulden stiegen von Jahr zu Jahr. Die Länder mussten mehr Geld ausgeben als sie einnahmen. Einige Leute meinten, das läge am Zinssystem. Doch das war nur die halbe Wahrheit.“
„Woran lag es dann?“
Ein Denkfehler im Steuersystem wird zur Chance.
„Wir fanden einen wesentlichen Denkfehler im damaligen Steuersystem, den die Ökonomen übersehen hatten: Besteuert wurde immer der Geldfluss! Ob Einkommen-, Umsatz- oder Verbrauchssteuern – immer sägte der Staat am eigenen Ast.“
„Ist doch klar! Durch Geldfluss-Steuern wird der wirtschaftliche Austausch ausgebremst.“
„Wir wissen das heute, Pia. Doch viele Ökonomen sahen den Wald vor lauter Bäumen nicht! Und was machten die Länder, die mehr ausgaben, als sie einnahmen und sich immer mehr verschuldeten? Sie versuchten Ausgaben zu sparen und Einnahmen zu vermehren. Sie verringerten die staatlichen Leistungen und erhöhten die Steuern. Was war wohl die Folge?“
„Wurde der Staatshaushalt verbessert?“
„ Wenn überhaupt, dann nur kurzfristig! Langfristig hat er sich immer verschlechtert. Dafür gibt es einfache Gründe.“
„Welche denn?“
„Höhere Steuern erhöhten die Preise. Es wurde weniger gekauft. Die Leute versuchten alles selbst zu machen oder halfen sich mit Schwarzarbeit. Die Industrie produzierte im Ausland. In jedem Fall entstand volkswirtschaftlicher Schaden. Arbeitsplätze verschwanden. Der Staat hatte weniger Einnahmen und mehr Sozialausgaben.“
„Und geringere staatliche Leistungen brachten auch nur Nachteile. Die Lebensqualität sank. Die Wirtschaft hatte weniger Aufträge, was weniger Steuereinnahmen zur Folge hatte. Vielleicht hätte man besser die Steuern senken sollen?“
„Steuersenkungen hätten die Entwicklung nicht rückgängig gemacht. Sie hätten kurzfristig zu noch geringeren Staatseinnahmen geführt. Eine klassische Zwickmühle!“
„Und jetzt kam eure große Chance?“
„Ja! Hier war der Ansatz für die Natürliche Ökonomie, die ohne Geldfluss-Steuern den Staatshaushalt sichert. Wir entwickelten einen Plan zur schrittweisen Einführung des Lebensgeldes.“
„Eine schrittweise Einführung des Lebensgeldes?“
Klein anfangen...
„Unsere Herausforderung bestand darin, ein Projekt zu entwickeln, das den damaligen Gesetzen entsprach und klein anfangen konnte. Es sollte brennende Wirtschaftsprobleme auf regionaler Ebene lösen oder zumindest lindern helfen. Die Teilnehmer sollten einen so großen Nutzen davon haben, dass sie das Projekt gerne weiterempfehlen würden. Auf diese Weise könnte es zum Selbstläufer werden und die Natürliche Ökonomie durch Mensch-zu-Mensch-Empfehlung verbreiten.“
„Eine große Herausforderung!“
„Wir analysierten die brennenden Wirtschaftsprobleme: Die Gemeinden hatten kaum noch Geld. Notwendige Arbeiten blieben liegen, oder wurden ehrenamtlich getan. Es gab sogar Bürgermeister, die ihre Arbeit freiwillig ohne Bezahlung machten. Viele Menschen wurden unschuldig arbeitslos, trotz ihrer Fähigkeiten, mit denen sie hätten Nutzen bringen können. Firmen und Selbstständige hatten zu wenige Aufträge, obwohl sie gute Leistungen anboten. Der Bedarf war zwar da, aber die Leute hatten nicht genug Geld.“
„Also habt ihr Lebensgeld gedruckt?“
„Nein! Natürlich konnten wir kein Geld drucken, Pia. Das durften nur die Zentralbanken. Aber Rabatt- und Bonus-Systeme waren verbreitet. So kreierten wir ein Rabatt-System, das wir Dankpunkte nannten.“
„Und wie funktionierte das?“
„Jedes Mitglied des Netzwerkes bekam monatlich hundert Dankpunkte auf seinem Konto gutgeschrieben: „Danke, weil Du bei uns bist!“ Damit konnte man zum Beispiel einen Rabatt bedanken, den man von einer Firma erhielt. Diese konnte wiederum einen Rabatt bei ihren Lieferenten bedanken, ihre Einkaufspreise senken, und so weiter.“
„Wenn man einen Rabatt von fünfzig Euro bekam, gab man dafür fünfzig Dankpunkte?“
„Genau! Auch nachbarschaftliche Hilfe konnte man bedanken: Herr A mähte Frau B den Rasen. Dafür gab sie ihm Dankpunkte. Herr A konnte nun Nachhilfe für seinen Sohn bedanken. Jung und alt stärkten ihre sozialen Kontakte und Netzwerke. Sie bekamen Spaß daran, einander zu helfen und zu danken. Ein neues Wir-Gefühl entstand.“
„Und welchen Vorteil hatten die Gemeinden davon?“
„Gemeinden und gemeinnützige Institutionen konnten weitere Dankpunkte schöpfen um Bürgerschaftliches Engagement zu bedanken. Wichtige Leistungen, die auf Grund leerer Kassen nicht mehr bezahlbar waren, konnten von Freiwilligen Helfern erbracht werden, die damit in den Genuss vieler Vergünstigungen kamen.“
„So konnten die Gemeinden Kosten sparen?“
„Ja, und als dann Bund und Länder einstiegen, wurde sogar die Staatskasse entlastet.“
...und wachsen lassen
„Dann hat es bei den Politikern klick gemacht?“
„Oh ja! Bald fand sich eine Mehrheit für die Dankpunkte. Man beschloss, den Dank schrittweise als Währung neben dem Euro einzuführen. Umsätze in Dank waren steuerfrei, wie heute auch. Es begann mit hundert Dank Grundeinkommen und zehn Prozent Dank-Anteil. Das steigerten wir jährlich bis fünfhundert Dank Grundeinkommen und fünfzig Prozent Dank-Anteil. So konnten sich alle langsam an das Lebensgeld gewöhnen. Bei eventuellen Problemen hätte man genug Zeit zum Gegensteuern gehabt.“
„ Das heißt, nach fünf Jahren hatte jeder ein Lebensgeld von fünfhundert Dank im Monat, und jeder Anbieter musste mindestens die Hälfte aller Zahlungen in Dank akzeptieren?“
„Stimmt. Damit waren alle Preise in Euro um mindestens die Hälfte gesunken. Genauso die Lohn- und Stückkosten. Die andere Hälfte wurde mit Dank bezahlt. Manche Anbieter akzeptierten sogar mehr Dank, um besser ins Geschäft zu kommen. Inländische Produkte wurden konkurrenzfähiger. Selbst ausländische Anbieter begannen den Dank zu akzeptieren.“
Sanierung der Staatsfinanzen und Sicherung privater Vermögen
„Und der Staat?“
„Auch die Staatsausgaben in Euro sanken auf die Hälfte. Die Steuer-Einnahmen gingen weniger zurück, da wegen der günstigen Euro-Preise mehr Umsätze gemacht wurden. Die gestiegene Wertschöpfung erhöhte die Lebensqualität aller Bürger. Aber das war noch längst nicht alles. Wir hatten uns nämlich vorgenommen, die Staatsschulden in wenigen Jahren zu tilgen – natürlich in Euro!“
„Die Staatsschulden in wenigen Jahren zu tilgen?“
„Ja! Dazu muss gesagt werden, dass die Welt mal wieder kurz vor einer Wirtschaftskrise stand. Auf der einen Seite gab es Renditen im zweistelligen Prozentbereich. Zum anderen drohte das Geldsystem jeden Moment zu kollabieren, denn das exponentielle Wachstum von Guthaben und Schulden konnte nicht mehr lange weitergehen. Ob Börsencrash, Krieg oder Inflation – irgendetwas würde mit großer Wahrscheinlichkeit passieren. Den Zeitpunkt kannte niemand. Jeden Augenblick könnten die Menschen ihr Vermögen verlieren. Wir suchten eine Möglichkeit, das Vermögen der Bürger sichern und gleichzeitig Staatsschulden zu tilgen. Wir entwickelten den Vermögensumtausch, kurz VUT, eine gegenseitige Verpflichtung, die beiden diente: dem Staat und seinen Bürgern.“
„Also wieder eine Win-Win-Situation!“
„Ja! Der Vermögensumtausch sah vor, dass ein Teil aller Euro-Guthaben in Dank umgetauscht werden musste. Der Prozentsatz steigerte sich wieder jährlich in fünf Stufen. Nach fünf Jahren wurden von jedem Guthaben fünf Prozent pro Jahr umgetauscht.“
„Haben nicht die reichen Leute ihr Geld ins Ausland gebracht?“
„Dann wären sie nicht in den Genuss der Vermögenssicherung gekommen, die der Vermögensumtausch vorsah: Bei einem Wirtschaftscrash würden die zuletzt gemeldeten Guthaben festgeschrieben und im Laufe von zwanzig Jahren in Dank ausbezahlt. Damit war jedes Vermögen auf mindestens zwanzig Jahre gesichert.“
„Nehmen wir an, ich hätte damals eine Million Euro gehabt. Dann hätte ich jedes Jahr fünfzigtausend Euro in Dank umtauschen müssen?“
„Genau!“
„Solange der Euro stabil war, nahm mein Guthaben also ab?“
„Nein! Du hättest Dein Geld sicher für mehr als fünf Prozent angelegt.“
„Und beim Geld-Crash?
„Der Wert des Dank blieb bestehen, denn er wurde für diesen Fall definiert: Zwanzig Dank sind der Preis einer durchschnittlich qualifizierten Arbeitsstunde.“
„Aha! Mein Euro-Vermögen wäre futsch gewesen. Ich hätte jedoch zwanzig Jahre lang jedes Jahr fünfzigtausend Dank bekommen. – Und von wem?“
„Vom Ausgleichs- und Umwelt-Fonds.“
„Hätte ich mein Geld heimlich ins Ausland gebracht, hätte ich nichts bekommen?“
„Richtig! Und da keiner wusste, wann es passiert, lohnte es sich, ehrlich zu sein. Außerdem hatten die meisten Menschen den großen Vorteil des Lebensgeldes erkannt: Mit Dank kann man steuerfreie Geschäfte machen.“
Es hat geklappt!
„Und Deutschland wurde schuldenfrei?“
„Ja! Die vier Billionen Guthaben brachten jährlich einen Vermögensumtausch von zweihundert Milliarden Euro. In wenigen Jahren waren alle Staatsschulden getilgt.“
„Was sagten die anderen Länder dazu?“
„Die Welt reagierte anfangs skeptisch. Da aber der Außenhandel weiterlief, fanden sich bald Nachahmer, die ebenfalls Lebensgeld einführten.“
„Wie konnte der Außenhandel weiterlaufen?“
„Die Außenhandelspreise blieben gleich. Käufer aus dem Ausland konnten entweder alles in Euro bezahlen oder einen Teil in Dank. So bekamen die Länder, die ebenfalls Lebensgeld einführten, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen.“
„Dann müssten eigentlich alle Länder Lebensgeld eingeführt haben.“
„Das taten sie auch nach und nach. Irgendwann kam dann der große Euro-Dollar-Crash. Aber das interessierte niemand mehr so richtig, denn alle waren ja bestens versorgt. Schließlich hatten wir überall Lebensgeld und die Natürliche Ökonomie.“
– – – Ende – – –
